DEUTSCHLAND 2015

A Tale As Old As Time

Als wir uns mit dem Verwalter vor dem Barockschloss treffen ist es wie ein Deja-Vu, nur mit besseren Vorzeichen. Wir sind nicht das erste Mal hier.

Bei unserem ersten Besuch hingen die Wolken bleiern am Himmel und ließen keinen Sonnenstrahl passieren – trotz heiterer Aussichten. Nach dem Rundgang waren wir von dem barocken Schloss begeistert und doch am Boden zerstört, denn das Licht wurde diesem Bauwerk nicht gerecht. Also machten wir uns auf den Heimweg – wohlgemerkt ohne ein einziges Foto geschossen zu haben.

Heute ist der Himmel azurblau und wolkenlos. Als wir das Hauptportal durchschreiten wissen wir, dass es die richtige Entscheidung war, wiederzukommen.

Wie in Beauty & the Beast

Wir betreten den zweigeschossigen Festsaal und fühlen uns wie in einer surrealen Version von Beauty & the Beast. Es würde uns nicht wundern, wenn eine leicht verstimmte Version des Songs “Tale As Old As Time” erklingen und verstaubtes Geschirr durch den Raum tanzen würde.

Der an sich schon gewaltige Saal erhält durch die Malereien, die den gesamten Raum umfassen, eine unendliche Weite. Auf den ersten Blick ist nicht ersichtlich, was nun tatsächlich Architektur und was malerische Illusion ist. Sieht man an die Decke, von der drei riesige Kronleuchter hängen, erspäht man einen Blick in den Olymp. Götter, Engel und Jungfrauen blicken vom Himmel, aus dessen Sonne der mittlere Kristall-Leuchter entspringt, auf das hölzerne Rautenmuster des Parketts hinab auf dem sich das durch die großen Fenster hineinflutende Licht spiegelt.

Zurück in die Realität

Als nach unserem Rundgang die schwere Holztür krächzend ins Schloss fällt, verstummt der Beauty & the Beast Soundtrack jäh und wir befinden uns wieder in der Realität, in der das elektronische Alarmsystem vom Wachdienst scharf geschaltet wird.

Das Schloss mit seinem beeindruckenden Festsaal werden wir so schnell nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Wir hoffen mit unseren Bildern zumindest einen kleinen Beitrag leisten zu können, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Denn die Zukunft ist wie bei den meisten Orten, die wir besuchen, mehr als ungewiss.

Von Burgen und Schlössern

Die Geschichte dieses beeindruckenden Schlosses beginnt bereits im 10. Jahrhundert. Zum Schutz der nahegelegenen Handelsstraßen entstand auf dem Gelände des heutigen Schlosses eine erste Burg, die jedoch bereits 1150 wieder aufgegeben wurde.

Eine zweite Burganlage diente um 1272 als Verwaltungssitz mit Gerichtsplatz. Über diese zweite Anlage ist nicht viel überliefert. Die von hohen Mauern umschlossene Wehrburg wurde in den Hussitenkriegen 1452 schwer beschädigt und wurde erst 1585 zu einem Renaissance-Schloss ausgebaut, das allerdings nur 100 Jahre bestand.

Ab 1700 wurde ein Großteil der alten Anlage abgerissen und auf dem Areal entstand bis 1712 das heutige Schloss mit dem zwei Stockwerke umfassenden barocken Festsaal. Für die Gestaltung des Raumes wurde ein italienischer Meister beauftragt, der den Saal im üppigen Stile der Illusionsmalerei mit einer reichen – wenn auch vorgetäuschten – architektonischen Gliederung versah.

Der Zerfall im Olymp

Der Niedergang des Barockschlosses beginnt bereits 1925. Der letzte Erbe des Anwesens verkaufte sämtliche Möbel, Öfen und Tapeten, gab schließlich die Anlage dem Verfall preis. Die angegliederte Schlosskirche, die ebenfalls über beeindruckende Wand- und Deckenmalereien verfügt haben muss, stürzte 1930 ein.

Bei einer Zwangsversteigerung 1937 wechselte das Schloss den Besitzer und wurde schließlich schrittweise instand gesetzt bis im zweiten Weltkrieg Soldaten der Wehrmacht einquartiert wurden. Später dienten die Räumlichkeiten als Vertriebenenlager und schließlich  von den frühen 50er Jahren bis 1991 als Institut zur Ausbildung von Lehrern.

Heute, nach einer Auktion in der sich kein einziger Käufer fand und einer weiteren Versteigerung im Jahre 2007 befindet sich das Schloss im Besitz einer irischen Spekulantengemeinschft. Ein neues Nutzungskonzept ist derzeit nicht bekannt.

 

Bilder im Shop ansehen