POLEN 2016

Suchet, so werdet ihr finden.

Die Landstraße, die uns in das unscheinbare polnische Dorf führt, gleicht einem Flickenteppich. Kaum eine Stelle des Asphalts wurde noch nicht nachgebessert und trotzdem ist die Straße mit Schlaglöchern übersät. Wir fahren vorbei an Häusern, die allesamt unbewohnt aussehen – wären da nicht die neuen Fenster, die scheinbar erst in den letzten fünf Jahren in die alten Gemäuer eingesetzt worden sind. Der Himmel an diesem Frühlingstag ist wolkenverhangen.

Kurz vor der Ortsausfahrt wollen wir Kehrt machen – haben wir etwas übersehen? Dann entdecken wir doch die Abzweigung, und wenig weiter den oval anmutenden Rundbau mit Satteldach. Die Rundbogenfenster, in denen sich einst mit Heiligendarstellungen verziertes Bleiglas befunden haben muss, sind zugemauert. Die schlichteren Fenster unter der Traufe des mit Tonziegeln eingedeckten Daches sind nichts als schwarze Löcher.

Allein durch eine schwere Stahltür lässt sich das alte Gebäude betreten. Doch der Mann mit dem Schlüssel ist vor ein paar Minuten weggefahren und niemand kann uns sagen, wann er wiederkommt. War nun alles umsonst?

Es werde Licht!

Nach einer Viertelstunde bangen Wartens wird uns nun doch Zugang gewährt. Als wir das alte Kirchengebäude betreten, reißt die Wolkendecke auf und Sonnenlicht flutet durch die Lücken im Mauerwerk und durch die freien Fenster des obersten Ranges. Obgleich wir bereits Fotos gesehen haben sind wir sprachlos. Im Inneren entpuppt sich die Kirchenruine als architektonische Glanzleistung – nur dass der Glanz schon lange verblichen ist.

Die elliptische Grundform der Kirche erscheint mit den beiden, auf glatten Steinsäulen ruhenden Galerien wie eine skurrile Mischung aus Theater und Arena. Die Kuppeldecke ist an vielen Stellen aufgerissen und wäre wohl eingestürzt, wenn sich die erst 2013 gegründete Stiftung nicht für eine Notsicherung des Daches stark gemacht hätte.

Beim Betreten der Ränge, deren Bodendielen schon nicht mehr existent sind, fährt uns ein kalter Schauer den Rücken herunter. Fortbewegen kann man sich hier oben nur auf den schweren Holzträgern, zwischen denen man teilweise bis zum Boden sehen kann.

Als wir die ehemalige Kirche später umrunden, stolpern wir wortwörtlich fast über die Grabsteine des verwucherten alten Friedhofs, der sich hinter der Ruine befindet. Die mit Moos bewachsenen, zum Teil umgestürzten Grabsteine stammen allesamt aus dem 19. und vom Anfang des 20. Jahrhunderts – sie tragen Namen wie Erika, Gottlieb und Friedrich. Die Tatsache, dass sich in den letzten Jahrzehnten niemand mehr um die Grabespflege gekümmert hat, stimmt uns traurig. Wie konnte es soweit kommen?

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal…

Der einstige protestantische Sakralbau wurde 1797 auf einem elliptischen Grundriss errichtet und verzichtete auf die in Europa gängigen Seitenschiffe, Kapellen und Erker. Die im Inneren ringsherum laufenden breiten Galerien mit ihren hölzernen Brüstungen konnten zu den Gottesdiensten bis zu 4.000 Menschen aufnehmen.

Genutzt wurde die Kirche bis 1945. Aufgrund des Bevölkerungsaustausches nach Kriegsende gab es in dieser Region Polens kaum noch Protestanten. Da die katholische Gemeinde im Dorf bereits eine eigene Kirche besaß, wurde dieses Gotteshaus obsolet. Die Umwidmung und Weiternutzung scheiterte an einer vorherrschenden Ablehnung des evangelischen Glaubens, der verbittert mit dem untergegangenen Nazideutschland in Verbindung gebracht wurde. Bis 1956 blieb die protestantische Kirche daher verschlossen.

Gott ist tot!

Nach Öffnung des ungenutzten Gebäudes spielten oft Kinder zwischen den Säulen und verstaubten Sitzbänken. Bald begannen die Dorfbewohner jedoch, die Kirche zu plündern. Der Altar, die Orgel und Kristallleuchler, selbst die Holzbänke, Fußböden und Fenster verschwanden. Schließlich wurde das nun seiner sakralen Ausstattung beraubte Gotteshaus als Schafstall genutzt.

Erst zur Kommunalisierung des polnischen Staatseigentums ging die Kirche in den 1990er Jahren in den Besitz der zuständigen Gemeinde über. Eine Schenkung an die örtliche Kirchengemeinde kam nicht zustande. Niemand wollte sich der inzwischen einsturzgefährdeten Kirchenruine annehmen.

Deus Ex Machina: Rettung im letzten Moment.

Ende 2005 zeichnete sich ein Umdenken ab. Die Kirche wurde in die Liste der Baudenkmäler aufgenommen. Doch außer wenigen Notsicherungsmaßnahmen passierte in den nächsten acht Jahren nicht viel. Erst 2013 übernahm eine für diesen Zweck gegründete Stiftung den Sakralbau inklusive des verfallenen evangelischen Friedhofs als Schenkung – mit dem Plan, das ehemalige Gotteshaus wiederherzustellen und dort Konzerte, Theateraufführungen, künstlerische Workshops, und Ausstellungen zu veranstalten.

In den letzten zwei Jahren hat die Stiftung sich um die wichtigsten Notsicherungsarbeiten, vor allem um die Reparatur des zum Teil eingestürzten Satteldaches gekümmert. Die eigentliche Sanierung soll bis 2019 abgeschlossen sein. Ob dies gelingt, bleibt unklar. Der notwendige finanzielle Aufwand ist bis heute noch nicht abschließend ermittelt worden.