ITALIEN 2015

Ein italienischer Sommernachtstraum

Während wir mit dem Auto an dem riesigen italienischen Anwesen vorbeifahren, gibt die Natur noch nichts von den beeindruckenden Gemäuern preis. Der ehemals weitläufige Park, der die alte herrschaftliche Villa umgibt, ist komplett außer Kontrolle geraten. Von dem penibel gestutzen englischen Rasen, den duftenden Rosenbüschen und bunten Blumenmeeren ist nichts mehr übrig geblieben.

Als wir uns den Weg durch eine knorrige alte Hecke bahnen und das pompöse Eingangsportal erreichen, fühlen wir uns an ein Dornröschenschloss erinnert. Vor dem stuckverzierten Haupttor treffen wir den Autor einer lokalen Zeitung und den Bauleiter – denn hier entsteht in den nächsten Wochen eine Großbaustelle mit dem Ziel, das alte Anwesen zu restaurieren.

Errichtet wurde die Villa mit ihren 30 Zimmern und einer Gesamtwohnfläche von 5000 Quadratmetern um 1500 von einer von einer Adelsfamilie. In dem 8000 Quadratmeter umfassenden Schlosspark und den angrenzenden Waldgebieten wurde zu dieser Zeit so manche Jagd veranstaltet. Leider ist aus dieser Zeit nicht mehr viel dokumentiert. Fest steht, dass knapp drei Jahrhunderte später eine andere Adelsfamilie das Zepter übernahm und umfassende Umbaumaßnahmen durchführte.

Die Nachkommen dieser Adelsfamilie nutzten die prunkvolle Villa noch bis in die 1960er Jahre als Sommerresidenz. Schließlich kehrte jedoch Ruhe in den alten Mauern ein. Lange hielt die letzte Erbin an dem Anwesen fest. Auch wenn hier keine Gesellschaften mehr gegeben wurden und in der großen leeren Villa niemand mehr leben wollte. Doch nicht lange nach dem Jahrtausendwechsel verstarb sie mit stattlichen 108 Jahren.

Earthquake Manor: Ein Ort voller Schönheit und Gefahren

Als der Bauleiter die schwere Holztür knarrend öffnet, machen sich Sorgenfalten auf seiner Stirn breit. Er beschwört uns, nicht zu lange im Inneren zu verweilen und weigert sich, uns weiter als ein paar Schritte in die Eingangshalle zu begleiten. Bei einem verheerenden Erdbeben wenige Jahre zuvor brach ein großer Teil der riesigen Kuppeldecke weg, die sich über der weitläufigen Halle der Earthquake Manor erstreckt. Steine und Schutt fielen in den atmosphärischen Wohnraum und liegen auch jetzt noch in einer rund anmutenden Form am staubigen Boden, auf dem das Muster der Fliesen kaum noch auszumachen ist. An der Wand hängen Bilder von Menschen, die sich hier einst zu Hause fühlten.

Ganz sicher fühlen wir uns nicht. Jeden Fuß setzen wir mit Bedacht und halten den Blick auf die poröse Decke über uns. Durch ein klaffendes Loch sehen wir den blauen Himmel des strahlenden Sommertags. Es scheint so, als könnte nur durch einen Windzug alles über uns wegbrechen.

Hinter uns befindet sich der Eingang zu einem der Schlafzimmer. Zwei schmale Betten stehen zentral im Raum umgeben von Kommoden, einem Klavier und einem alten Sessel. Im Spiegel sieht man den Kronleuchter hängend über dem Bett, sich langsam in der Sommerbriese drehend, die durch ein offenes Fenster hereinweht. Breite Risse ziehen sich in fast jedem Raum senkrecht durch die Wände.

Zurück im Eingangsbereich zweigen zwei Flügel ab. Der linke Flügel steht schon nicht mehr. Sonnenlicht flutet durch die Türöffnung, die schon lange in keinen Raum mehr führt. Vögel haben hier zwischen verfallenen Mauern und altem Holz ihre Nester gebaut. Der rechte Flügel diente wohl einmal als Künstlerwerkstatt. Alte Öl-Gemälde und Farben liegen verteilt im Raum.

Wir sind erst eine knappe halbe Stunde in der Villa und wagen uns in den ersten Stock, in dem wir auf weitere Schlafzimmer und Bäder stoßen. Dann hören wir den Bauleiter rufen. Er bricht unseren Ausflug in die Earthquake Manor aprupt ab – ihm ist es zu gefährlich. Auf dem Weg nach draußen halten wir noch kurz in der komplett eingerichteten Küche an. Der Tisch ist gedeckt und es macht fast den Eindruck, als würde gleich eine italienische Großmutter das Mittagessen zubereiten. Doch was fehlt ist der Geruch, der einem das Wasser im Mund zusammen laufen lässt.

 

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