DEUTSCHLAND 2013

Eine Festung ohne Besatzung

An einem wolkenlosen Sommertag warten wir vor dem alten Stahltor des schlicht in weißem Bänderputz gehaltenen Residenzgebäudes. Die ehemalige syrische Botschaft wirkt durch ihre kubische Grundform ohne jegliche Schnörkel beinahe unpassend, wenn man bedenkt, welches kulturell eindrucksvolle arabische Land sie einst vertrat.

Die verstärkten elektrischen Sicherheitstore und die vielen Kameras, die bis heute jeden Winkel des Anwesens erfassen, machen deutlich, dass es sich bei dem einstigen syrischen Botschaftsgebäude um eine wahre Festung handelt.

Pünktlich erscheint der Hausmeister, der hier zusätzlich zu dem 24/7-Wachdienst täglich nach dem Rechten sieht. Begrüßt werden wir herzlich, ein kleiner Blumenstrauß wird Anna überreicht und für Erfrischungen ist auch gesorgt. Wir fühlen uns willkommen.

Durch einen Seiteneingang betreten wir das Innere des Botschaftsgebäudes und sind erst einmal sprachlos.

Tausendundeine Nacht

Was von außen beinahe trist und rein funktional wirkt, entpuppt sich im Inneren als Palast aus tausendundeiner Nacht. Goldene Ornamente und Intarsien schmücken Wände und Decken, der Boden ist mit kunstvoll verziertem Marmor eingelegt. Die filigranen bläulichen Glasphiolen der riesigen Kronleuchter, die an der Decke prangen, sind alle mundgeblasen.

Die prächtige Innenausstattung wurde in Gänze aus Syrien importiert. Bei diesem Anblick wundern wir uns nicht, dass bei der handwerklichen Ausarbeitung 40 syrische Künstler mitwirkten, die extra zu diesem Zweck aus ihrer Heimat eingeflogen wurden. Die Kosten des Botschaftsgebäudes, welches erst 1990, also bereits nach der deutschen Wiedervereinigung bezogen wurde, summierte sich auf 14 Millionen D-Mark.

Nur 9 Jahre blieb der Botschafter in diesen pompösen Räumlichkeiten, denn 1999 zog die syrische Botschaft in die neue Hauptstadt nach Berlin. Die ehemalige Residenz ist weiterhin in syrischem Staatsbesitz. Seit 2005 gibt es Pläne, hier ein Generalkonsulat sowie ein Kultur- und Tourismuszentrum zu errichten. Bis heute ist die Umsetzung dieser Pläne aber ungewiss.

Krieg und Schrecken

Aufgrund der innen- und außenpolitischen Lage in Syrien finden in den letzten Jahren immer wieder Demonstrationen vor dem verlassenen Anwesen statt. Die Situation des syrischen Staates war in den letzten Jahren immer wieder Fokus der internationalen Berichterstattung. Immer wieder wird von den grausamen Machenschaften vor Ort und den Auswirkungen des brennenden Bürgerkriegs berichtet. Tausende Menschen fliehen vor Hunger und Tod.

Beim Betrachten der Bilder, die wir im Sommer 2013 im Inneren der syrischen Botschaft gemacht haben, beim Anblick all der stillen Schönheit und der goldenen Ornamente, die sich friedlich im glatten Marmorboden spiegeln, fährt uns beim Gedanken an die Schrecken des Krieges ein kalter Schauer den Rücken herunter.

Syrien ist mehr!

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Syrien mehr ist, als der Bürgerkrieg. Syrien ist mehr als Hunger und Tod. Mehr als das, was momentan im Fokus der Berichterstattung steht. Denn die Menschen, die in ihrem Heimatland um ihr Leben bangen und diejenigen, die Syrien in Strömen verlassen, um der Gewalt zu entfliehen, sind Menschen wie wir. Menschen mit Idealen und Ideen fernab des Terrors. Kreative Köpfe, Liebende, Künstler, gutmütige Menschen. Auch das ist Syrien.

Die ehemalige syrische Botschaft mit ihren prächtigen goldenen Intarsien, dem kunstvoll verzierten Marmor des Fußbodens und den mundgeblasenen bläulichen Glasphiolen der Kronleuchter ist ein Symbol hierfür. Ein Denkmal für die Kunst und Kultur, für die unermessliche Schönheit, die das Land zu bieten hat, das momentan von Konflikten und Bürgerkrieg erschüttert wird.

 

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